Das Museo di Palazzo Grimani präsentiert vom 6. Mai bis 22. November 2026 die erste Einzelausstellung des ghanaischen Künstlers Amoako Boafo in Italien. Die Ausstellung, produziert von Gagosian und in Zusammenarbeit mit dem Museum organisiert, findet parallel zur 61. Biennale di Venezia statt und verspricht eine außergewöhnliche Begegnung zwischen zeitgenössischer afrikanischer Kunst und venezianischer Kunstgeschichte.

Wenn Amoako Boafo seine Fingermalereien im Palazzo Grimani zeigt, prallen Welten aufeinander – und verschmelzen zu etwas Neuem. Der ghanaische Künstler, der mit seiner unverwechselbaren Technik schwarze Identität feiert, inszeniert sich erstmals in Italien. Ausgerechnet in einem der prächtigsten Renaissance-Paläste Venedigs.
Die Wahl des Ortes ist kein Zufall. Das Museo di Palazzo Grimani hat sich in den letzten Jahren als Spielfeld für genau solche Begegnungen profiliert. Wo einst die Grimani-Familie ihre antiken Schätze ausstellte, hängen heute Baselitz und Frankenthaler. Boafos Ausstellung, die parallel zur Biennale läuft, führt diese Tradition fort – und bricht sie zugleich auf.

Finger statt Pinsel
Was Boafos Malerei so besonders macht, ist buchstäblich greifbar. Der 1984 in Accra geborene Künstler malt nicht mit dem Pinsel, sondern formt die Pigmente direkt mit den Fingern. Diese Technik verleiht seinen Portraits eine fast haptische Unmittelbarkeit. Die Haut seiner Subjekte scheint zu vibrieren, jede Geste trägt die Spur der Hand, die sie schuf.
Seine Modelle – FreundInnen, Bewunderte, oft er selbst – blicken direkt heraus. Kein kokettes Spiel mit dem Betrachter, sondern Konfrontation auf Augenhöhe. In diesen Gesichtern manifestiert sich ein Selbstbewusstsein, das in der westlichen Kunstgeschichte lange fehlte. Boafo malt schwarze Menschen nicht als Andere, sondern als selbstverständliche Protagonisten ihrer eigenen Geschichten.

Wiener Lehrjahre
Geboren 1984 in Accra, Ghana, wo er heute lebt und arbeitet, brachte sich Boafo als Kind selbst das Zeichnen und Malen bei. Nach verschiedenen beruflichen Stationen, darunter eine semiprofessionelle Tenniskarriere, schloss er 2008 sein Studium am Ghanatta College of Art and Design in Accra ab und gewann im selben Jahr den Preis für den besten Portraitmaler des Colleges.
Die Verbindung zu Europa ist für Boafo biografisch tief verankert. 2013 kam er nach Wien, studierte an der Akademie der bildenden Künste und gründete mit WE DEY einen Raum für marginalisierte Stimmen. Die Erfahrung der Ausgrenzung in Österreich schärfte seinen künstlerischen Fokus: Er würde malen, was fehlte.
2017 erhielt Boafo den Walter Koschatzky Kunstpreis, 2019 den STRABAG Artaward International. Im selben Jahr schloss er sein MFA an der Akademie der bildenden Künste Wien ab. Seine künstlerische Karriere nahm rasant Fahrt auf: 2019 war er Artist in Residence im Rubell Museum Miami, wobei die während seines Aufenthalts entstandenen Werke die erste Einzelausstellung des Museums bildeten.
Internationale Anerkennung und kulturelles Engagement
Boafos Werk hat internationale Aufmerksamkeit erlangt. 2021–22 wurde die Wanderausstellung „Soul of Black Folks“ mit über dreißig Portraitgemälden vom Museum of the African Diaspora in San Francisco organisiert. Fasziniert von Mode als Form der Selbstdarstellung, arbeitete Boafo mit Designer Kim Jones an Diors Herrenkollektion für Frühjahr/Sommer 2021 zusammen, bei der die Texturen und Muster seiner Portraits in die Kleidung einflossen und ausschließlich mit schwarzen Models beworben wurden.
Stärkung des kulturellen Ökosystems in Ghana
Im Dezember 2022 eröffnete Boafo dot.ateliers in Accra, einen Raum zur Stärkung und Weiterentwicklung des kulturellen Ökosystems der Stadt. Untergebracht in einem dreistöckigen Gebäude, das vom Architekten David Adjaye entworfen wurde, bietet es eine Galerie, Studios, eine Kunstbibliothek und ein Café. Das Programm umfasst Ausstellungen und Residenzen, die kreatives Experimentieren fördern und mutigen Ausdruck unterstützen.
2024 festigte Boafo sein Engagement für Ghanas kulturelles Ökosystem mit der Gründung von dot.ateliers | Ogbojo, einem Residenzprogramm für Schriftsteller und Kuratoren in der Region Greater Accra. Im selben Jahr präsentierte das Belvedere in Wien „Proper Love“, die erste große europäische Museumsausstellung seines Werks, die die Entwicklung seiner Ästhetik seit seiner Studienzeit in Wien würdigte.

Schwarze Repräsentation
Boafos Selbstportraits sind autobiografische Erkundungen seines verkörperten Selbst, Ausdrücke von Verletzlichkeit und Kreativität, die traditionelle Narrative von Maskulinität hinterfragen. Seine anderen Gemälde zeigen Männer, Frauen und Paare – Subjekte, die er aus seinem Freundeskreis und unter Menschen wählt, die er bewundert. Sie vermitteln Individualität und aktive Präsenz, wobei die meisten Figuren den Blick der Betrachtenden suchen und ein starkes Identitätsgefühl behaupten.
Neue Arbeiten für alte Mauern
Inspiriert von der Renaissance-Atmosphäre des Palazzo Grimani, richtet Boafo seinen Blick auf die reiche venezianische Portraittradition. Der Künstler schafft eine Serie neuer Werke speziell für diese Ausstellung, die direkt auf diesen historischen Kontext und die einzigartige Architektur des Palazzo Bezug nehmen. Die neuen Werke, die im zweiten Stock des Palazzo installiert werden, sollen direkt mit der venezianischen Tradition in Dialog treten. Man darf gespannt sein, wie seine leuchtenden, fast neonartigen Farbflächen mit den Fresken von Salviati und Zuccari korrespondieren werden.

Das Museum: Ein Juwel der Renaissance
Das Museo di Palazzo Grimani in Santa Maria Formosa, Teil der Musei archeologici nazionali di Venezia e della Laguna, ist eine Renaissance-Perle, die in der Vergangenheit von Reisenden, TouristInnen und DiplomatInnen gepriesen wurde. Nach mehrjähriger Restaurierung ist es heute in seiner ganzen Schönheit für BesucherInnen geöffnet, reich verziert mit Stuck und Fresken von Künstlern wie Giovanni da Udine, Francesco Salviati und Federico Zuccari. Der Palazzo diente einst als prachtvolle Kulisse für die szenografische Anordnung der archäologischen Sammlung der Familie, die später der Serenissima gespendet wurde.
Das Piano Nobile des Museums beherbergt die permanente Einrichtung der Tribuna und Sala del Doge sowie die Serie moderner Gemälde und die Archinto-Serie von Georg Baselitz, die dem Museum als Dauerleihgabe überlassen wurde.
Auf den Punkt gebracht: Renaissance reloaded
Was also passiert, wenn Boafos schwarze Dandys und selbstbewusste Frauen auf die Grandezza des Palazzo Grimani treffen? Vermutlich nichts Geringeres als eine Neuvermessung dessen, was ein Portrait sein kann. Die venezianischen Meister malten Macht, Reichtum, dynastische Ansprüche. Boafo malt Präsenz, Style, die Würde des Alltäglichen.
Praktische Informationen für Ihren Besuch
Ort: Museo di Palazzo Grimani
Adresse: Ramo Grimani, Rugagiuffa, 4858 – 30122 Venezia
Ausstellungsdauer: 6. Mai – 22. November 2026
Öffnungszeiten: Täglich 10:00 – 19:00 Uhr, Montag Ruhetag
