Anish Kapoor im Palazzo Manfrin – eine monumentale Werkschau in Venedig

Es gibt wenige Künstler der Gegenwart, deren Werk so unmittelbar körperlich wirkt wie das von Anish Kapoor. Man tritt vor eine seiner polierten Stahlskulpturen – und wird Teil von ihr. Man nähert sich einer seiner schwarzen Leere-Öffnungen – und verliert jede Tiefenwahrnehmung. Kapoor arbeitet nicht mit Masse. Er arbeitet mit dem, was Masse hinterlässt: Raum, Spiegelung, Abgrund. Vom 5. Mai bis zum 9. August 2026 öffnet der 1954 in Mumbai geborene britisch-indische Bildhauer erstmals seit 2022 wieder die Türen seines venezianischen Palastes, und was er zeigt, ist keine Retrospektive im klassischen Sinn. Es ist etwas Ungewöhnlicheres: eine Werkstatt auf einmal.

Die Ausstellung versammelt rund 100 Architekturmodelle, großformatige Installationen und spiegelpolierte Edelstahlskulpturen aus fünf Jahrzehnten. Es ist die zweite öffentliche Präsentation der Anish Kapoor Foundation im Palazzo Manfrin, nach der viel beachteten Doppelschau mit der Gallerie dell’Accademia 2022.

Ein Palazzo als Labor

Der Palazzo Manfrin im Sestiere Cannaregio ist ein Gebäude mit Geschichte. Errichtet im 16. Jahrhundert, beherbergte er einst eine der bedeutendsten Kunstsammlungen Venedigs. Kapoor erwarb das Anwesen 2018 und ließ es über vier Jahre hinweg in eine Kombination aus Residenz, Studio und öffentlich zugänglichem Ausstellungsraum verwandeln. Seit 2022 ist es Sitz der Anish Kapoor Foundation, gedacht als „kulturelles Instrument“ für künstlerisches Experiment jenseits des Marktes.

Genau diese Stoßrichtung bestimmt die Dramaturgie der Schau. Kapoor selbst hat gegenüber der Presse betont, dass der Fokus bewusst nicht auf marktkompatiblen Arbeiten liege. „Es ist wichtig, dass die Ausstellung sich nicht auf das beschränkt, was der Markt konsumieren kann“, erklärte er der britischen Fachpresse. „Es gibt eine Seite meiner Praxis, die käuflich ist. Aber ich habe meine gesamte Karriere über auch andere Dinge gemacht – Arbeiten aus Wachs und allem Möglichen –, von denen ich kaum eine einzige verkauft habe.“ Es sind diese Werke, die nun im Zentrum stehen.

Die Modelle und die Monumente

Das eigentliche Herzstück der Ausstellung bilden die 50 bis 70 Architekturmodelle, die Kapoor über ein halbes Jahrhundert angelegt hat. Sie dokumentieren realisierte Großprojekte – die ikonische Cloud Gate in Chicago, das umstrittene ArcelorMittal Orbit in London, die U-Bahn-Station am Monte Sant’Angelo in Neapel – ebenso wie nie umgesetzte Visionen: urbane Interventionen, Gedenkorte, Skulpturen, die zu Architektur werden wollten, aber nicht durften.

Flankiert werden sie von monumentalen Arbeiten, die Kapoors Verhältnis zu Raum und Leere zuspitzen. At the Edge of the World II (1998), die legendäre rote Halbkuppel aus Fiberglas und Pigment, und Descent into Limbo (1992), jener berühmte schwarze Bodenkreis, dessen absolute Lichtabsorption die Wahrnehmung physikalisch austrickst, sind Schlüsselwerke der zeitgenössischen Bildhauerei. Dazu kommen neue Arbeiten – darunter eine raumfüllende Installation aus Silikon und Farbe, die Kapoors aktuelle malerische Praxis in eine skulpturale Umgebung übersetzt.

„Lange Zeit habe ich meine Arbeit als potenzielle Architektur gedacht. Ich bin überzeugt: Um neue Kunst zu schaffen, muss man neuen Raum schaffen.“ — Anish Kapoor

Biografie eines Raumdenkers

Geboren 1954 in Mumbai als Sohn einer irakisch-jüdischen Mutter und eines indischen Vaters, kam Kapoor 1973 nach London, wo er am Hornsey College of Art und an der Chelsea School of Art studierte. Sein internationaler Durchbruch kam 1990 mit dem Britischen Pavillon auf der Biennale von Venedig – wobei er, wie er selbst betont, damals noch gar keinen britischen Pass besaß. 1991 wurde er mit dem Turner Prize ausgezeichnet.

Kapoor ist heute nicht nur einer der einflussreichsten, sondern auch einer der meistdiskutierten Künstler seiner Generation. Seine Erwerbung der exklusiven Nutzungsrechte am „dunkelsten Schwarz der Welt“, Vantablack, löste 2016 eine öffentliche Fehde mit dem britischen Künstler Stuart Semple aus. Seine Kritik am Biennale-Titel Foreigners Everywhere (2024), den er als „Wiederaneignung faschistischer Parolen“ bezeichnete, sorgte für Debatten. Kapoor scheut die Konfrontation nicht – weder in der Kunst noch im Diskurs.

Das Jahr 2026 markiert eine außergewöhnliche Dichte seiner Ausstellungstätigkeit: Parallel zur Venedig-Schau laufen Einzelausstellungen im SCAD Museum of Art in Savannah, bei der Lisson Gallery in New York, im Serlachius Museum in Mänttä und – als Höhepunkt – eine große Retrospektive in der Hayward Gallery in London, nahezu dreißig Jahre nach seiner letzten Schau dort.

Zwischen Abgrund und Erhabenheit

Was die Venedig-Ausstellung von den anderen Stationen dieses Jahres unterscheidet, ist ihre kuratorische Richtung. Statt der ikonischen, marktbewährten Werke steht hier der Prozess im Zentrum, das Skizzenbuch, das Scheitern, das Nicht-Realisierte. Die Ausstellung öffnet Kapoors Werkstatt – und zeigt einen Künstler, der seit fünfzig Jahren an derselben Frage arbeitet: Was ist Raum, wenn er zum Material wird?

Seine Skulpturen oszillieren zwischen Objekt und Umgebung, zwischen Abgrund und Erhabenheit. Die spiegelpolierten Edelstahlarbeiten absorbieren den Betrachter und geben ihn verzerrt zurück. Die pigmentgetränkten Formen ziehen das Licht in sich hinein. Und die schwarzen Öffnungen in Wand und Boden – Kapoors berühmteste Geste – machen die Leere selbst zur Skulptur. Im Palazzo Manfrin, einem Raum mit eigener historischer Schwere, treten diese Arbeiten in einen Dialog, der die architektonische Dimension seines Denkens sichtbar macht wie selten zuvor.

Ein Ereignis der Saison

Wer durch die Räume des Palazzo Manfrin geht, bewegt sich durch fünfzig Jahre eines Denkens, das die Skulptur stets als räumliche Frage begriffen hat. Kapoor schafft keine Objekte. Er schafft Bedingungen. Und im Cannaregio, jenem stilleren Stadtteil Venedigs, weit weg vom Getümmel der Giardini, wird man im Frühsommer erleben können, was das konkret bedeutet: Kunst, die den Besucher nicht betrachtet – sondern umgibt.

  • Ort: Palazzo Manfrin – Cannaregio 342, 30121 Venedig
  • Laufzeit: 5. Mai – 9. August 2026
  • Webseite: anishkapoor.com