Die Gezeiten der Rückkehr im Ocean Space

Tide of Returns“ im Ocean Space Venedig – wenn Wasser zum Medium kultureller Wiedergutmachung wird. Wer die schweren hölzernen Flügeltüren der ehemaligen Chiesa di San Lorenzo im Sestiere Castello durchschreitet, betritt keinen White Cube, sondern eine Zeremonie. Roter Sand aus Anindilyakwa Country im pazifischen Nordaustralien breitet sich als Dünenlandschaft über den Steinboden der entweihten Kirche. Tausende winzige Figuren – gefertigt aus Muscheln, Gräsern und Stoffresten – besiedeln diese Landschaft wie ein stilles Volk. Und über allem schwebt der Klang von Stimmen, Meer, Wind.

Vom 28. März bis zum 11. Oktober 2026 präsentiert die TBA21–Academy im Rahmen ihrer siebten Saison im Ocean Space eine Ausstellung, die den Begriff der Rückgabe neu denkt. Konzipiert vom internationalen Repatriates Collective – einer Gruppe von KünstlerInnen aus Australiens pazifischem Norden, aus West- und Südafrika, Europa und Lateinamerika – und kuratiert von der Künstlerin und Kuratorin Khadija von Zinnenburg Carroll, ist Tide of Returns ein seltenes kuratorisches Ereignis: eine Schau, die politische Dringlichkeit mit poetischer Präzision verbindet, ohne die eine gegen die andere auszuspielen.

Venedig, Schwelle und Salzwasser

Dass diese Ausstellung ausgerechnet in Venedig stattfindet, ist kein Zufall. Die Stadt war jahrhundertelang Umschlagplatz zwischen Ost und West, Drehscheibe von Gütern, Gläubigen, Gewalt. Die Chiesa di San Lorenzo, seit 2019 als Ocean Space von der TBA21–Academy restauriert und als planetarisches Zentrum für ozeanische Wissensproduktion neu eröffnet, trägt diese Schichten in ihren Mauern. Co-Direktor Markus Reymann bezeichnet den Ort als „Resonanzraum“ für die Themen des Kollektivs: Handel, Empire, Bewegung, Verdrängung.

Die TBA21–Academy, gegründet 2011 von der Sammlerin und Philanthropin Francesca ThyssenBornemisza, hat sich als eine der weltweit führenden Institutionen an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, Meeresforschung und ökologischer Advocacy etabliert. Tide of Returns steht exemplarisch für diese Mission. Wasser ist hier weder Metapher noch Dekor. Es ist Methode.

From My Mother’s Country – der Westflügel

Die zentrale Arbeit im Westflügel trägt den Titel „From My Mother’s Country„. Man tritt buchstäblich in sie hinein. Der gelbliche, metallisch rot schimmernde Sand wurde aus Anindilyakwa Country am Golf von Carpentaria nach Venedig gebracht – ein Material, das die KünstlerInnen als „Verkörperung unserer Mütter“ beschreiben. Darin verteilt liegen die handgefertigten Figuren, kleine Zeuginnen, gewebt aus Fundstücken des Meeres: Muscheln, Netze, angespülte Fragmente.

Das Repatriates Collective arbeitet mit jenen Materialien, die koloniale Extraktionsökonomien zurückgelassen haben, und verwandelt sie in Werkzeuge ritueller Reparatur. Video- und Soundinstallationen weben indigene Wissenssysteme aus Australien und Namibia in einen polyphonen Erzählraum. Es geht um Ahnenverbindungen, um das lebendige Handeln der Objekte selbst, um die Frage: Was bedeutet „Rückgabe“, wenn die Dinge nie wirklich aufgehört haben zu sprechen?

Weaving Connections – der Ostflügel

Im östlichen Kirchenschiff antwortet die in Wien lebende Künstlerin Verena Melgarejo Weinandt mit „Weaving Connections“ – einer Arbeit aus performativen Filmen und geflochtenen Textilskulpturen, die in Wasser gewaschen werden. Ihre Recherche zielt auf Deutschland, genauer: auf die Konstruktion indigener Identitäten im deutschen Kolonialimaginären und ihrer Fortschreibung in populärer Kultur bis heute.

Die Geste des Flechtens, des Waschens, des Wiederholens wird zum heilenden Akt. Melgarejo Weinandt, deren Arbeiten bereits in Venedig, Marrakesch, Sharjah und bei der Manifesta zu sehen waren, übersetzt kritische postkoloniale Theorie in eine Bildsprache, die eher Ritual als Anklage ist. Gerade darin liegt ihre Schärfe.

Die Kuratorin: Khadija von Zinnenburg Carroll

Kuratiert wird die gesamte Präsentation von Khadija von Zinnenburg Carroll, die das Repatriates Collective auch initiiert hat. Die australisch-österreichische Künstlerin, Wissenschaftlerin und Autorin ist eine der profiliertesten Stimmen im internationalen Diskurs um kulturelle Restitution. Ihre Handschrift zeigt sich in der seltenen Fähigkeit, akademische Komplexität in sinnliche Erfahrung zu überführen. Tide of Returns ist kein Thesenvortrag. Es ist, wie das Studio International schreibt, eher zeremonielle Landschaft als konventionelle Ausstellung.

Nature Speaks – der Research Room

Parallel zur Hauptausstellung bespielt der Research Room des Ocean Space die Präsentation Nature Speaks. Listening for Rights of Nature in Venice and Europe, kuratiert von Pietro Consolandi und Amalia Rossi und koproduziert mit dem NICHE Centre for Environmental Humanities der Ca‘ Foscari Universität. Das Projekt funktioniert als offenes Policy Lab: Die venezianische Community ist eingeladen, gemeinsam Wege zur rechtlichen Anerkennung der Lagune als lebendige Entität zu erarbeiten – nach italienischem, europäischem und internationalem Recht.

Das mag wie juristische Trockenheit klingen. Vor dem Hintergrund eines wachsenden internationalen Rechtsaktivismus für die Rights of Nature – von Ecuador bis Neuseeland – ist es eine der relevantesten Debatten unserer Zeit. Venedig, Stadt auf Wasser, wird hier zum Labor einer neuen ökologischen Rechtsordnung.

  • Ausstellungsort: Chiesa di San Lorenzo, Castello 5069, 30122 Venedig
  • Laufzeit: 28. März – 11. Oktober 2026
  • Webseite: Ocean Space