Es gibt Ausstellungen, die Geschichte rekonstruieren. Und es gibt Ausstellungen, die Geschichte erlebbar machen. Die Peggy Guggenheim Collection widmet sich 2026 einem der faszinierendsten Kapitel der Moderne – und tut dies mit der Präzision einer Kunsthistorikerin und der Leidenschaft einer Liebenden.
Die Peggy Guggenheim Collection widmet sich erstmals umfassend Peggy Guggenheims bahnbrechender Londoner Phase: Von 25. April bis 19. Oktober 2026 läuft „Birth of a Collector“ und rekonstruiert die legendäre Galerie Guggenheim Jeune (1938–1939) in der Cork Street 30. Kuratiert von Gražina Subelytė und Simon Grant, beleuchtet die Ausstellung, wie Guggenheim die britische Kunstszene der Zwischenkriegszeit revolutionierte und zur größten Sammlerin des 20 Jahrhunderts wurde und so ihre Identität als Mäzenin der Moderne formte – ein Meilenstein für Peggy Guggenheim London Ausstellung 2026.
Mäzenin der Avantgarde, Patin von Murano-Kunst
Das Ausstellungsprogramm 2026 der Peggy Guggenheim Collection liest sich wie ein Schlüsselroman der Moderne: Zwei große Ausstellungen widmen sich jenen Momenten, in denen Peggy Guggenheim zur prägenden Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts wurde. Im Frühjahr blickt Venedig nach London – auf die legendäre Galerie Guggenheim Jeune –, im Herbst richtet sich der Fokus auf Murano und die visionäre Fucina degli Angeli, wo Glas zur künstlerischen Sprache der Moderne wurde. Zwei Höhepunkte, die das Mäzenatentum Guggenheims neu lesen – im Dialog mit der permanenten Sammlung am Canal Grande.

Achtzehn Monate, welche die Kunstgeschichte veränderten
Was geschieht, wenn eine Frau beschließt, das Unmögliche möglich zu machen? Wenn sie einen Raum betritt – Cork Street 30, London, Januar 1938 – und entscheidet, dass die Welt der Kunst nie mehr dieselbe sein wird? Peggy Guggenheim kam nicht als Kuratorin. Sie kam als Suchende. Aufgewachsen zwischen Opernbühnen und antikem Marmor, hatte sie gelernt, Schönheit zu erkennen – aber noch nicht, sie zu erschaffen. Das änderte sich in jenen achtzehn Monaten, die heute als eine der dichtesten, aufregendsten Episoden der Kunstgeschichte gelten.

Es waren drei Stimmen, die sie formten. Marcel Duchamp lehrte sie das Denken – den feinen, schneidenden Unterschied zwischen Abstraktion und Surrealismus, zwischen Konzept und Geste. Samuel Beckett – damals noch kein Weltname, aber bereits ein Geist von außergewöhnlicher Klarheit – überzeugte sie, den Blick auf das Lebendige zu richten: nicht auf das Kanonische, sondern auf das Atmende, das Unbequeme, das noch Namenlose. Und Mary Reynolds öffnete ihr die Türen in jene Kreise, in denen Avantgarde kein Wort war, sondern eine Haltung.
Was folgte, war ein Programm von atemberaubender Kühnheit: über zwanzig Ausstellungen in achtzehn Monaten – alle vier Wochen eine neue Provokation, ein neues Bekenntnis, ein neuer Skandal. Das britische Establishment reagierte mit Empörung. Peggy reagierte mit der nächsten Ausstellung.
London 1938–1939: Start mit Jean Cocteau und einem Skandal
Die Galerie Guggenheim Jeune – aktiv von Januar 1938 bis Juni 1939 – war weit mehr als ein Ausstellungsraum: Sie war eine kulturpolitische Geste, ein intellektuelles Netzwerk, eine Provokation.
Hier fand Vasily Kandinsky seine erste Londoner Einzelausstellung, Jean Cocteau erhielt eine monografische Schau, das Medium Collage feierte seine erste britische Gruppenausstellung – und sorgte für einen handfesten Skandal. Cocteaus allegorische Bild „La peur donnant des ailes au courage“ („Die Furcht, die dem Mut Flügel verleiht“) zeigt nackte Figuren mit deutlicher Darstellung von Schamhaar, darunter auch ein Porträt des Schauspielers Jean Marais, Cocteaus Geliebtem – ein Motiv, das für die damals konservative britische Öffentlichkeit als obszön galt. Britische Zollbehörden erlaubten die Ansicht des Bildes nur in einem Büro im hinteren Teil der Galerie.

Von Kandinsky bis Duchamp und Dalí
Rund hundert Schlüsselwerke – von Eileen Agar, Salvador Dalí, Barbara Hepworth, Piet Mondrian, Henry Moore bis Sophie Taeuber-Arp – treten in einen dichten Dialog mit Archivalien, Briefen und Dokumenten. Sichtbar wird ein intellektuelles Netzwerk, das von Marcel Duchamp über Mary Reynolds bis zu Samuel Beckett reicht.
Was als bescheidene Geste begann – ein Werk aus jeder Ausstellung, ein stiller Akt der Ermutigung an die Künstler, die sie zeigte – wurde zur vielleicht folgenreichsten Sammlerentscheidung des 20. Jahrhunderts.
Es war die 24. Biennale von Venedig, die alles veränderte – jener Moment, in dem Peggy Guggenheim Jackson Pollock und den amerikanischen abstrakten Expressionismus erstmals nach Europa brachte. Ein Auftritt, der keine Einladung war, sondern eine Behauptung: Seht her. Das ist die Zukunft.
Venedig antwortete – nicht mit Begeisterung, sondern mit etwas Tieferem: mit dem Gefühl der Zugehörigkeit. Die Lagunenstadt wurde nicht zur Endstation einer Reise, sondern zum einzig denkbaren Ort für das, was Peggy ihr Leben lang gesucht hatte: einen Raum, in dem Kunst und Leben nicht nebeneinander existieren, sondern ineinander.

London erscheint hier nicht nur als Station, sondern als Initiation: als jener Ort, an dem Peggy Guggenheim ihre Sammleridentität formte – kurz vor dem Zerfall Europas im Zweiten Weltkrieg. Nach Venedig wandert die Schau im Herbst 2026 an die Royal Academy of Arts, 2027 folgt das Solomon R. Guggenheim Museum.
Fucina degli Angeli: Murano und die Moderne
Der zweite Höhepunkt des Jahres führt zurück nach Venedig – genauer: nach Murano. Die von Cristina Beltrami kuratierte Ausstellung widmet sich der Fucina degli Angeli, jenem außergewöhnlichen Atelier, das Egidio Costantini in den 1950er-Jahren gründete.Über hundert Glasarbeiten, Zeichnungen und historische Dokumente erzählen von einer beispiellosen Zusammenarbeit zwischen venezianischem Handwerk und internationaler Avantgarde.

Glaskunst von Picasso bis Fontana
Künstler wie George Braque, Alexander Calder, Lucio Fontana, Fernand Léger und Pablo Picasso ließen ihre Bildwelten in Glas übersetzen – oft erstmals und mit überraschender Radikalität. Peggy Guggenheim war dabei weit mehr als eine Beobachterin. Als „Patin“ der Fucina öffnete sie Türen, vermittelte Kontakte in die USA, unterstützte Costantini in entscheidenden Momenten und trug maßgeblich zur internationalen Anerkennung dieses Projekts bei. Die Ausstellung konfrontiert die Glasobjekte mit Gemälden und Skulpturen der beteiligten Künstler – und macht so sichtbar, wie Glas im 20. Jahrhundert vom Kunsthandwerk zur autonomen künstlerischen Ausdrucksform wurde.

Anfänge der einflussreichsten Sammlerin der Moderne
Mit diesen beiden Ausstellungen gelingt der Peggy Guggenheim Collection 2026 ein kunsthistorisch wie kulturpolitisch präziser Doppelblick: auf die Geburtsstunde einer der einflussreichsten Sammlerinnen der Moderne – und auf ihre nachhaltige Wirkung als Förderin experimenteller Kunstformen. London und Murano, Avantgarde und Handwerk, Netzwerk und Vision: selten waren die Linien von Peggy Guggenheims Vermächtnis so klar und zugleich so sinnlich erfahrbar wie in diesem Programm.

Die Ausstellungen 2026
Peggy Guggenheim a Londra. Nascita di una collezionista
Datum: 25. April – 19. Oktober 2026
Inhalt: Die große Schau zur Londoner Galerie Guggenheim Jeune und dem Frühwerk der Sammlerin mit rund 100 Schlüsselwerken und Archivmaterial.
Fucina degli Angeli. Peggy Guggenheim e il vetro artistico del Novecento
- Datum: 14. November 2026 – 29. März 2027
- Inhalt: Visionäres Kapitel der Glaskunst Murano mit über 100 Glasobjekten, Zeichnungen und Dokumenten sowie Arbeiten von Léger, Picasso, Calder u. v. m.
Öffnungszeiten der Peggy Guggenheim Collection
Die Peggy Guggenheim Collection ist im Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande beheimatet
- Täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr
- Geschlossen: jeden Dienstag,
Tickets & Buchung
Für den Besuch des Museums – inklusive der temporären Ausstellungen 2026 – empfiehlt es sich aufgrund der begrenzten Kapazitäten und der hohen Nachfrage, Tickets online im Voraus zu buchen. Peggy Guggenheim Collection
