We Thought We Were Alone: Koen Vanmechelen lässt Palazzo Rota Ivancich atmen

Der belgische Künstler Koen Vanmechelen verwandelt den Palazzo Rota Ivancich in Venedig in ein lebendiges Ökosystem aus Skulpturen, Mythen und Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt. „We Thought We Were Alone“ ist seine erste große skulpturale Einzelausstellung in der Lagunenstadt und versammelt über drei Etagen mehr als 40 neue Installationen und Skulpturen, die speziell für diesen historischen Palazzo entwickelt wurden.

Palazzo als lebendiger Organismus

Kuratiert von James Putnam inszeniert die Schau keinen linearen Parcours, sondern ein Geflecht aus Räumen, Lichtstimmungen und Atmosphären, die sich ständig verändern. Der Palazzo selbst wird zum atmenden Organismus: Patina, Risse und Einschusslöcher in den Glasflächen schreiben sich in die Werke ein und machen sichtbar, wie Geschichte, Gewalt und Verletzlichkeit in die Oberflächen unserer Welt eingeschrieben sind.

Parlament der Tiere

Im Zentrum steht die Verschiebung weg vom Menschen als Maß aller Dinge hin zu einem „Parlament der Tiere“, in dem Mensch, Tier und Natur als gleichwertige Akteure auftreten. Vanmechelen bricht vertraute Hierarchien auf und rückt Interdependenz in den Fokus: Wir sind nicht allein, sondern Teil eines dichten Netzes aus Beziehungen, in dem Verantwortung und Verletzbarkeit geteilt werden.

Materialien, Motive, Schlüsselwerke

Bronze, Marmor, Glas, Fotografie, Video und Sound erscheinen nicht als fixe Objekte, sondern als wandelbare Systeme, die sich durch Zeit, Bewegung und Begegnung verändern. Klassische Motive – Medusa, barocke Körper, venezianische Ikonografie – verschränken sich mit hybriden Tier‑ und Pflanzenformen; immer wieder taucht das Ei als offener Möglichkeitsraum auf.

Zu den Schlüsselwerken zählen „Cosmopolitan Fossil“, ein monumentales Kind‑Reptil‑Hybrid, das die Grenzen zivilisatorischer Kontrolle über Natur auslotet, sowie „We are the Other“, eine Installation bemalter Bronzefiguren mit menschlich‑tierischen Körpern auf einem Laufsteg. Begleitet von Radioheads „Feral“ kippt der Raum in eine theatrale Zone, in der Identität als fluider Prozess von Verwandlung erfahrbar wird. In „Under Pressure“ prallt eine Gepardin gegen eine durchlöcherte Glasbarriere – ein Bild für blockierte Bewegung, Nähe und gleichzeitig unaufgelöste Trennung.

Forschung zu Biokulturalität und Zukunft des Zusammenlebens

„We Thought We Were Alone“ knüpft an Vanmechelens langjährige Forschung zu Biokulturalität, Diversität und Interspezies‑Kooperation an, wie sie in Projekten wie dem Cosmopolitan Chicken Project und LABIOMISTA in Genk sichtbar wird. In Venedig wird diese offene Forschungslandschaft in die Intimität eines Palazzos übersetzt. Die Ausstellung adressiert BesucherInnen nicht nur als Betrachtende, sondern als Teil eines komplexen Geflechts, in dem keine Spezies, kein Körper und kein Material isoliert existiert – und in dem sich unsere Vorstellung von Zusammenleben radikal neu denken lässt.

Auf den Punkt gebracht: Kunst als geteiltes Ökosystem

Koen Vanmechelen versteht „We Thought We Were Alone“ als offenen Raum, in dem alle Teil eines lebendigen Beziehungsnetzes zwischen Mensch, Tier und Umwelt werden – ob Biennale-Publikum, Schulklasse oder zufällige PassantIinnen. Der Palazzo Rota Ivancich wird damit zu einem Ort, an dem Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaft ohne Hürden aufeinandertreffen.

Praktische Informationen

Ausstellungsort: Palazzo Rota Ivancich, Castello, Venedig
Ausstellungsdauer: 6. Mai bis 22. November 2026
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, voraussichtlich 11–19 Uhr (Sommer), 10–18 Uhr (Herbst) Eintritt ist frei
Website: koenvanmechelen.be / labiomista.be