Borges Labyrinth in Venedig – Poesie auf der Insel San Giorgio Maggiore

Nach aufwendiger Restaurierung ist das Borges-Labyrinth der Fondazione Giorgio Cini auf der Insel San Giorgio Maggiore wieder zugänglich. Das Gartenkunstwerk ist lebende Architektur, literarisches Denkbild und wurde als inklusiver Erfahrungsraum neu lesbar gemacht. Man ist eingeladen, es auch mit geschlossenen Augen zu sehen.

Ein Labyrinth für Jorge Luis Borges

Venedig hat viele Labyrinthe: Gassen, Kanäle, Spiegelungen, falsche Abzweigungen. Doch nur eines trägt den Namen jenes Autors, der das Labyrinth zu einer der großen Denkfiguren der Moderne machte: Jorge Luis Borges.

Das Labirinto Borges der Fondazione Giorgio Cini wurde 2011 auf San Giorgio Maggiore errichtet, zum 25. Todestag des argentinischen Schriftstellers. 2026, vierzig Jahre nach Borges’ Tod, wurde seine Restaurierung präsentiert. Die Anlage gilt als eines der eindrucksvollsten Labyrinthe Italiens und ist heute Teil des monumentalen Areals der Cini-Stiftung – fast wie ein „dritter Kreuzgang“ neben dem Kreuzgang von Buora und jenem von Palladio.

Der Dichter der unendlichen Wege

Borges, geboren 1899 in Buenos Aires und gestorben 1986 in Genf, schrieb keine dicken Romane, sondern kurze, hochverdichtete Texte, in denen Bibliotheken, Spiegel, Enzyklopädien, Träume und Labyrinthe ganze Weltmodelle bilden.

In Erzählungen wie „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“, „Die Bibliothek von Babel“ oder „Das Aleph“ wird das Labyrinth zum Bild für Zeit, Erinnerung, Erkenntnis und die Unmöglichkeit, die Welt vollständig zu ordnen. Jeder Weg öffnet einen anderen Weg. Jede Entscheidung enthält andere Möglichkeiten. Genau diese Idee übersetzt das Labyrinth auf San Giorgio in eine begehbare Form.

Die Schrift aus 3200 Buchsbäumen

Entworfen wurde das Borges-Labyrinth vom britischen Architekten und Labyrinth-Spezialisten Randoll Coate, einem Freund von Borges. Die Anlage besteht aus rund 3.200 Buchsbäumen und bildet einen etwa einen Kilometer langen Weg. Aus der Vogelperspektive erkennt man die eigentliche Raffinesse: Die Hecken schreiben den Namen BORGES in den Garten ein.

Restaurierung lebendiger Architektur

Nach fünfzehn Jahren war die Restaurierung notwendig geworden. Es ging nicht um eine kosmetische Gartenpflege, sondern um die Präzision einer lebenden Architektur: 165 geschädigte oder abgestorbene Buchsbäume wurden ersetzt. Renata Codello, Generalsekretärin der Fondazione Giorgio Cini, beschreibt den Eingriff als Teil der DNA der Stiftung: Restaurierung und dauerhafte Pflege der Insel seien seit 1951 ein Gründungsprinzip der Cini. Dieses Projekt zeige, „wie die Restaurierung einer vegetalen Architektur möglich ist, die Volumen, Geometrie, meditativer Raum und Seite der Literatur zugleich ist“. unterstzützt wurde es von PvC Italia.

Ein Labyrinth, das zugänglicher wird

Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Unione Italiana dei Ciechi e degli Ipovedenti. Gemeinsam wurde eine taktile Karte realisiert, die das Labyrinth erklärt, bevor Besucherinnen und Besucher in die Buchsbaumwege eintreten. Die venezianische Sektion des Blinden- und Sehbehindertenverbandes arbeitet seit Jahren mit Kulturinstitutionen wie der Fondazione Giorgio Cini, den Musei Civici und den Gallerie dell’Accademia sowie dem Rotary Club Venezia an multisensorischen Angeboten und taktilen Hilfsmitteln.

Mit geschlossenen Augen sehen

Der schönste Gedanke dieser Wiedereröffnung kommt aus dem Kreis des Blindenverbandes: Vizepräsident Guido Lorenzini lädt dazu ein, das Borges-Labyrinth mit geschlossenen Augen zu entdecken. Das ist mehr als eine poetische Geste. Es verschiebt den Blick auf diesen Ort. Das Labyrinth wird nicht nur gesehen, sondern ertastet, gehört, abgeschritten, erinnert. Borges’ Welt war immer eine Welt der inneren Bilder.

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Das Borges-Labyrinth ist kein dekorativer Nebenschauplatz Venedigs, sondern einer seiner intelligentesten Kunstorte: Wer San Giorgio Maggiore besucht, sollte dieses Labyrinth nicht als Attraktion konsumieren, sondern als Einladung verstehen: langsamer gehen, genauer hören, auch einmal die Augen schließen.

Besuch des Borges-Labyrinths

Der Besuch führt nicht nur durch die Wege des Labyrinths, sondern auch in die Nuova Manica Lunga, von wo aus man die Struktur von oben betrachten kann.

Der offizielle VisitCini-Tourgang dauert rund 45 Minuten und wird von einer Audioguide-Spur begleitet, mit Originalmusik von Antonio Fresa, eingespielt mit dem Orchestra del Teatro La Fenice.

Täglich geöffnet von 10 – 16 Uhr. Buchung und aktuelle Preise (bis 14 Euro) online über VisitCini.

Fotocredits: artbeat.news/Fondazione Cini