Venedig 2026: Die Filmwelt kehrt zurück in die Lagune

Die 83. Biennale del Cinema di Venezia öffnet vom 2. bis 12. September 2026 wieder ihre Tore am Lido – und stellt sich in diesem Jahr einer besonderen Herausforderung: Während die Hollywood-Industrie spürbar schwächelt, rückt das italienische Kino so stark ins Zentrum wie lange nicht mehr. Unter der künstlerischen Leitung von Alberto Barbera, der noch bis zur Ausgabe 2027 am Ruder bleibt, präsentiert sich Venezia 83 als Ort der Kontinuität – und als Bühne für die großen Themen der Gegenwart: Macht, Krieg, Migration, Klimakrise und der Einzug künstlicher Intelligenz in die Filmproduktion.

Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco betonte bei der Programmpräsentation, wie sehr sich das Festival ganzjährig um Territorium, Erinnerung und die junge Generation bemühe. Barbera selbst brachte die Rolle des Kinos auf eine pointierte Formel: Filme seien heute so etwas wie die Hashtags unserer Zeit.

Eröffnung, Abschluss und Moderation

Den Auftakt macht Danny Boyles Ink, das die Übernahme der britischen Boulevardzeitung The Sun durch Rupert Murdoch nachzeichnet – mit Guy Pearce als Murdoch, Jack O’Connell als Redakteur Larry Lamb und Claire Foy als Jules Davies. Den Schlusspunkt setzt außer Konkurrenz Giovanni Veronesis Komödie La corsa di Dio. Durch den Eröffnungs- und Abschlussabend führen Greta Scarano und Nicolas Maupas.

Der Goldene Löwe: 20 Filme, fünf davon italienisch

Im Hauptwettbewerb konkurrieren 20 Filme um den Goldenen Löwen – ein Fünftel davon kommt aus Italien, ein deutliches Signal für die Stärke des heimischen Autorenkinos:

  • Marco Bechis kehrt mit Return to Buenos Aires zu autobiografischen und politischen Motiven aus der argentinischen Militärdiktatur zurück, dem Thema seines früheren Films Garage Olimpo.
  • Edoardo De Angelis verfilmt mit The Fire You Carry Inside ein Buch von Antonio Franchini über eine komplexe Mutterfigur, verkörpert von Vanessa Scalera.
  • Nanni Moretti feiert mit It Will Happen Tonight – einer Adaption des israelischen Autors Eshkol Nevo mit Louis Garrel und Jasmine Trinca – seine erste Wettbewerbsteilnahme seit 1981, als Sogni d’oro den Silbernen Löwen gewann. Barbera nannte die Einladung eine Art späte Wiedergutmachung für 1989, als Morettis Palombella rossa aus der offiziellen Auswahl gefallen war.
  • Andrea Pallaoro bringt mit The Echo Chamber das letzte von Bernardo Bertolucci verfasste Drehbuch auf die Leinwand, mit Luca Marinelli, Alicia Vikander und Susan Sarandon.
  • Paolo Strippoli erzählt in L’estranea (The Stranger) von Familiengeheimnissen, mit Jasmine Trinca und Valeria Bruni Tedeschi.

Auf internationaler Seite treten unter anderem Werner Herzog (Bucking Fastard, mit Kate Mara, Rooney Mara, Orlando Bloom und Domhnall Gleeson), Hirokazu Kore-eda (Look Back), Lee Chang-dong (Possible Love), Martin McDonagh (Wild Horse Nine, mit John Malkovich, Sam Rockwell und Steve Buscemi) sowie Florian Zeller mit dem Starensemble Penélope Cruz, Javier Bardem, Stephen Graham und Paul Dano in Bunker an. Auch Robert Pattinson (in Lance Oppenheims Primetime) und Casey Affleck (Company) sind vertreten.

Den Vorsitz der internationalen Jury übernimmt Maggie Gyllenhaal, an ihrer Seite unter anderem Kaouther Ben Hania, Daniel Blumberg, Francesco Casetti, Xavier Giannoli und Johnnie To.

Goldene Löwen fürs Lebenswerk: Clooney und Burstyn

Die Ehren-Löwen für das Lebenswerk gehen 2026 an George Clooney und Ellen Burstyn – zwei Ikonen des amerikanischen Kinos auf sehr unterschiedlichen Karrierewegen. Burstyn ist zudem im Kurzfilm Flesh Impact zu sehen, einer Hommage an Marilyn Monroe zu deren 100. Geburtstag, mit Dakota Johnson in der Titelrolle.

Orizzonti: Der Blick nach vorn

In der Sektion Orizzonti, die dem Kino von morgen gewidmet ist, laufen 19 Filme, darunter vier italienische Debüts und Entdeckungen: Alina Marazzis Das Mädchen mit der Leica eröffnet die Sektion, dazu kommen Anna Fogliettas Regiedebüt Una storia, Edoardo Gabbriellinis Die Stadt der Lebenden und Tommaso Landuccis Die Kinder des Affen. Die Jury steht unter Leitung von Valérie Donzelli, den Nachwuchspreis Luigi De Laurentiis vergibt eine von Carolina Cavalli geleitete Jury.

Bertolucci als roter Faden: Guadagninos XXL-Dokumentarfilm

Neu im Programm ist die Sektion Film on Films, die sich ganz Dokumentarfilmen über das Kino selbst widmet. Ihr Herzstück: Luca Guadagninos rund siebeneinhalbstündige Dokumentation Joie de vivre über Bernardo Bertolucci – der damit gleich doppelt präsent ist, posthum auch als Drehbuchautor von The Echo Chamber.

Von Elon Musk bis Oasis: Die Doku-Perlen des Festivals

Weitere Höhepunkte der Dokumentarschiene sind Alex Gibneys Porträt Musk über Elon Musk, die Oasis-Doku Don’t Look Back in Anger von Dylan Southern und Will Lovelace sowie Wim Wenders‘ Film über den Architekten Peter Zumthor.

Eine Besonderheit am Rande: Francesco Carrozzinis Dokumentarfilm Be Brave über Renzo Rosso gilt als erster italienischer Dokumentar-Spielfilm, der komplett unter kreativer Kontrolle mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden ist – ein Fingerzeig auf die Debatten, die das Festival in diesem Jahr begleiten.

Serien und Klassiker

Als einzige Serienproduktion läuft Peccato von Valerio Vestoso, eine Mockumentary mit Emanuela Fanelli, die im Jahr 2049 spielt. Venezia Classici zeigt 19 restaurierte Meisterwerke, unter anderem von Luis Buñuel, Roberto Rossellini und Andrzej Wajda; die Jury leitet Daniele Vicari. Bereits am Vorabend, dem 1. September, würdigt das Festival mit der 4K-Restaurierung von Col cuore in gola den Regisseur Tinto Brass.

Auf den Punkt gebracht: Italienisches Kino im Rampenlicht

Zwischen Morettis Rückkehr nach 37 Jahren, Bertoluccis doppeltem Nachleben und Guadagninos monumentalem Dokumentarprojekt zeigt Venezia 83, wie selbstbewusst sich das italienische Kino gerade präsentiert – gerade weil Hollywood in diesem Jahr weniger dominant auftritt. Für Kulturinteressierte lohnt sich ein Blick auf den Lido gleich doppelt: als Gradmesser für die Zukunft des Kinos und als Schaufenster einer neuen italienischen Generation.

Die Filmfestspiele Venedig 2026 feiern nicht nur große Namen und Premieren. Sie sind ein Ort, an dem sich Kino immer wieder neu erfindet – als Kunstform, als Diskursraum, als Erlebnis. Zwischen restaurierten Klassikern , zwischen Nachwuchstalenten und Altmeistern wird deutlich: Venedig ist nicht nur Bühne, sondern Zukunftslabor des Films.

Praktische Informationen:

Datum: 2. bis 12. September 2026
Ort: Lido di Venezia
Weitere Informationen: www.labiennale.org

Tickets & Infos: Tel. +39 041 2726 624