Von Marina Abramovic und Ai Weiwei bis Tony Cragg und Jaume Plensa, von Sean Scully und Thomas Schütte bis Erwin Wurm und Arne Quinse. Für seine Glaskunst-Ausstellung Glasstress 2026 versammelt Adriano Berengo ein Staraufgebot an Künstlerinnen und Künstlern, die mit Glaskunstmeistern aus Murano herausragende Werke schufen.

Symbiose mit Handwerkskunst Muranos
Zwischen den Renaissance-Sälen des Palazzo Ca‘ Tron und den historischen Schmelzöfen Muranos entfaltet Glasstress 2026 seine bislang eindrucksvollste Ausgabe. Als Adriano Berengo Glasstress 2009 als offizielles Kollateralprojekt der Biennale von Venedig ins Leben rief, verfolgte er ein ebenso einfaches wie revolutionäres Ziel: internationale Gegenwartskünstler mit den Glasmeistern Muranos zusammenzubringen. 2026 vereint Glasstress mehr als 70 internationale Künstlerinnen und Künstler in Symbiose mit der jahrhundertalten Handwerkskunst der Glasmacher Venedigs. artbeat.news war bei der Eröffnung dabei. An zwei Ausstellungsorten magische Kunst.

Abramovic als blutquellender Brunnen
Im Palazzo Ca‘ Tron öffnet sich hinter der schlichten Renaissancefassade eine Welt, in der historische Fresken, venezianische Terrazzoböden und monumentale Glasinstallationen miteinander in Dialog treten. Zu den eindrucksvollsten Stationen gehört die neue Arbeit von Marina Abramović als endlos blutquellender „Female Fountain“. Wie in ihrem gesamten Werk kreisen auch hier Verletzlichkeit, Transformation und körperliche Präsenz um einen existenziellen Kern. Das Glas verstärkt diese Spannung. Es erscheint gleichzeitig unendlich fragil und nahezu unzerstörbar – ein Werk, das den menschlichen Körper spiegelt, ihn aber zugleich transzendiert. Dass Abramović erstmals mit den Glasmeistern des Berengo Studios gearbeitet hat, gehört zu den bemerkenswertesten Kooperationen dieser Glasstress-Ausgabe.

Glass Stress – Spannung statt Harmonie
Adriano Berengo beschreibt diese Zusammenarbeit der Glasmeister mit den Künstlerinnen und Künstlern als kreativen Spannungszustand – eben als „Glass Stress“. Nicht Harmonie, sondern produktive Reibung führe zu Innovation. Monumental interpretiert der belgische Künstles Koen Vanmechelen, der einen historischen Rezzonico-Luster völlig neu. Aus einem Symbol venezianischer Kultur wird eine zeitgenössische Skulptur über kulturellen Austausch, Evolution und Hybridität.

Glasstress verzichtet bewusst auf ein gemeinsames Ausstellungsthema. Die Kuratoren Adriano Berengo, Joanna De Vos und Umberto Croppi verstehen Glas selbst als eigentlichen Protagonisten, der höchst unterschiedliche künstlerische Handschriften vereint. So begegnen sich in Ca‘ Tron die monumentalen Positionen von Arne Quinze, die poetische Arbeit von Karen LaMonte, die sinnlichen Köpfe von Jaume Plensa, die wandelnden Bubbles von Erwin Wurm, feinste Handgravierungen von Monica Biancardi und morbide Botschaften aus dem Jenseits von Gottfried Helnwein.

Ai Weiwei, Plensa, Cragg am Schmelzofen
Das eigentliche Herz der Glasstress 2026 ist der Fondazione Berengo Art Space in der ehemaligen Glasfabrik auf Murano. Adriano Berengo ließ den historischen Schmelzofen bewusst als Zentrum des Gebäudes erhalten, rundherum entstand ein moderner White Cube. Hier begegnet men dem monumentalen weißen Luster von Ai Weiwei, dessen Auseinandersetzung mit Material, Erinnerung und Macht im Medium Glas eine neue Dimension erhält. Sean Scully überträgt seine charakteristischen Farbrhythmen in eine faszinierende überraschend körperliche Formensprache. Jaume Plensa entwickelt jene stille Poesie des Lichts, für die der katalanische Bildhauer weltweit bekannt ist. Tony Cragg untersucht die fließende Bewegung organischer Formen, Judy Chicago empfindet ihre Glass Goddess der Venus von Willendorf nach.

Glasstress 2026 gehört zu den unverzichtbaren Ausstellungen des venezianischen Kunstjahres. Wer verstehen möchte, warum Murano auch im 21. Jahrhundert eines der kreativsten Zentren internationaler Kunstproduktion geblieben ist, findet hier die überzeugendste Antwort. Zwischen den Prunksälen des Palazzo Ca‘ Tron und den Schmelzöfen der Fondazione Berengo entsteht ein einzigartiger Parcours, der zeigt: Glas ist eine der spannendsten Ausdrucksformen der Gegenwartskunst.
Who´s who der Gegenwartskunst
Die vollständige Teilnehmerliste liest sich wie ein Who’s who der internationalen Gegenwartskunst: An Glasstress 2026 beteiligen sich mehr als 70 Künstlerinnen und Künstler aus allen Kontinenten. Zu ihnen zählen Marina Abramović, Ai Weiwei, Manal Al Dowayan, Monira Al Qadiri, Allora & Calzadilla, Vanessa Beecroft, Monica Biancardi, Monica Bonvicini, Stefano Cagol, Edoardo Callegari, María Magdalena Campos-Pons, Ornella Cardillo, Judy Chicago, Zheng Chongbin, Tony Cragg, Laura De Coninck, Ida Ekblad, David S. Eley, Jan Fabre, Fariba Ferdosi, Christian Fogarolli, Massimiliano, Doriana & Lavinia Fuksas, Josepha Gasch-Muche, Gelatin, Abdulnasser Gharem, Fathi Hassan, Marlène Huissoud, Leiko Ikemura, Martin Janecký, Oda Jaune, Wu Jian’an, Marya Kazoun, Karen LaMonte, Delaine Le Bas, Simone Mannino, Paul McCarthy, Yue Minjun, Serge Mouangue, Moataz Nasr, Adrian Paci, Cornelia Parker, Anne Peabody, Penzo+Fiore, Jaume Plensa, Laure Prouvost, Arne Quinze, Fatinha Ramos, Tobias Rehberger, Maria Roosen, Thomas Schütte, Sean Scully, Marinella Senatore, Wael Shawky, Shan Shan Sheng, Chiharu Shiota, Koen Vanmechelen, Joana Vasconcelos, Ronald Ventura, Ernests Vītiņš, Ziping Wang, Rose Wylie, Erwin Wurm, Guan Xiao, Raed Yassin, Dustin Yellin, Sun Yitian und Qi Zhuo. Bemerkenswert ist zudem, dass mehr als zwanzig Künstlerinnen und Künstler erstmals an Glasstress teilnehmen und zum ersten Mal überhaupt mit Murano-Glas arbeiten.

Besucherinformationen
Laufzeit:
12. Juli – 22. November 2026
Ausstellungsorte:
- Palazzo Ca‘ Tron, Santa Croce, Venedig
- Fondazione Berengo Art Space, Campiello della Pescheria 4, Murano
Kuratoren:
Adriano Berengo, Joanna De Vos, Umberto Croppi.
Öffnungszeiten:
Täglich 10.00–18.00 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr); während der Laufzeit sind beide Ausstellungsorte durchgehend geöffnet. Aktuelle Informationen zu eventuellen Sonderöffnungszeiten veröffentlicht die Fondazione Berengo.
