Unter dem Motto „A Child of Sound“ macht Direktorin Caterina Barbieri Venedig vom 10. bis 24. Oktober 2026 zu einem Labor des unvoreingenommenen Hörens – mit rund 130 Künstlerinnen und Künstlern, mehr als 40 Veranstaltungen und 18 Weltpremieren.

Die Biennale Musica feiert ihre 70. Ausgabe des Internationalen Festivals für zeitgenössische Musik mit einem Programm, das ungewöhnlich weit ausholt: von Hildegard von Bingen, Bach und einem unbekannten Werk Ennio Morricones bis zu Keiji Hainos radikaler Klangkunst, Sarah Davachis Minimalismus, persischer Perkussion, Gnawa, Singeli und elektronischer Clubkultur.

Caterina Barbieri´s Motto: „A“ Child of Sound“
Es ist ein ebenso poetisches wie programmatisches Bild, mit dem Caterina Barbieri ihre zweite Biennale Musica überschreibt: „A Child of Sound“. Das Festival will das Hören gewissermaßen auf null stellen – zurück zu jenem Moment, bevor Genres, Konventionen und kulturelle Zuschreibungen bestimmen, was als Alte Musik, Avantgarde, Elektronik, Folk oder Clubmusik wahrgenommen wird. „Musik ist die Kindheit des Geistes“, sagt Barbieri. Musik verbinde uns wieder mit einem ursprünglichen Zustand von „Offenheit, Vitalität und schöpferischer Kraft“, mit einem „Ort des Ursprungs radikalen Hörens“.

130 Künstler, über 40 Events – und 18 Weltpremieren
Die Zahlen zeigen die Dimension: Rund 130 Künstlerinnen und Künstler, mehr als 40 Veranstaltungen, 23 neue Arbeiten, darunter 18 Weltpremieren, sind angekündigt. Das Programm führt als bewusste Grenzüberschreitung durch Jahrhunderte und Kontinente und vermischt Tradition, Klassik und Experiment. Es reicht von Morricone, Bach, Webern, Hildegard von Bingen und Gregorio Allegri über Arvo Pärt bis zu Noise, Ambient, elektroakustischer Komposition, afrikanischen und afro-diasporischen Musiktraditionen und DJ-Sets.

Keiji Haino: Der „Poet des Noise“ erhält den Goldenen Löwen
Der japanische Musiker Keiji Haino erhält den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Haino, Jahrgang 1952, ist eine Kultfigur der internationalen Experimental- und Improvisationsszene. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Noise, Free Jazz, Blues, Rock, Folk, Drone und elektroakustischem Experiment. Die Biennale würdigt ihn als eine der ungewöhnlichsten Stimmen der zeitgenössischen Musik, bei der Klang zu einer „körperlichen Erfahrung – ursprünglich und kathartisch“ werde. Am 10. Oktober um 21 Uhr im Teatro alle Tese präsentiert Haino eine Weltpremiere für Stimme und Saiteninstrumente.

Silberner Löwe für Sarah Davachi: Erfahrung der Langsamkeit
Der Silberne Löwe geht an die kanadische Komponistin und Organistin Sarah Davachi, Jahrgang 1987. Davachi arbeitet mit minimalen Veränderungen von Klangfarbe, Intonation und Harmonik, historischen Stimmungssystemen, analogen Synthesizern und vor allem der Orgel. In einer Epoche permanenter Beschleunigung, heißt es treffend in der Begründung der Biennale, biete ihre Musik eine kompromisslos unbeschleunigte Erfahrung des Hörens. In Venedig ist sie gleich mehrfach präsent. Am 16. Oktober im Teatro Goldoni erklingt eine neue, von der Biennale beauftragte Komposition für Ensemble und 16-stimmigen Chor. Zwei Tage später spielt Davachi im Teatro Piccolo Arsenale ein Solo-Recital auf der Kammerorgel.

Morricone trifft Bach, Webern und Pasolini im Teatro Goldoni
Einer der spannendsten Abende des Festivals dürfte jener 16. Oktober im Teatro Goldoni werden. Das Parco della Musica Contemporanea Ensemble unter Tonino Battista präsentiert die Weltpremiere von Ennio Morricones „Musica per una fine“, einem posthum veröffentlichten Werk für Chor, Orchester und Tonband. Darin ist eine Aufnahme von Pier Paolo Pasolini zu hören, der seinen eigenen Text liest. Anschließend folgen Bach – unter anderem „Erbarme dich, mein Gott“ –, Weberns berühmte Orchestrierung des sechsstimmigen Ricercars aus Bachs Musikalischem Opfer und schließlich Davachis neue Biennale-Komposition.

Basilica San Marco: Tallis Scholars von Hildegard bis Pärt
Zu den atmosphärischen Höhepunkten gehört zweifellos der 17. Oktober in der Basilica di San Marco. Die legendären Tallis Scholars unter Peter Phillips spannen dort einen Bogen über nahezu neun Jahrhunderte geistlicher Vokalmusik: von Hildegard von Bingen über Gregorio Allegris „Miserere“ bis zu Arvo Pärt und einer neuen, von der Biennale beauftragten Komposition von Kara-Lis Coverdale. Die Architektur und Akustik von San Marco werden zum Resonanzkörper für Barbiers Kerngedanken – Stimme, Spiritualität und Musik als jahrhundertealte Formen kollektiver Erfahrung.

Von Persien bis Marokko: Musik als Erinnerung und Ritual
Die geografische Öffnung des Programms gehört zu den auffälligsten Entwicklungen der Biennale Musica unter Barbieri. Am 17. Oktober begegnen einander etwa Alif Hilal – früher als Lyra Pramuk bekannt – und der iranische Perkussionist Mohammad Reza Mortazavi in der Weltpremiere In the Threshold of Your Love. Mortazavi hat die traditionellen persischen Trommeln Tombak und Daf durch eine radikal erweiterte Spieltechnik in die Gegenwart geführt. Gemeinsam mit Islam El-Ghazouly entsteht ein Dialog zwischen Stimme, Perkussion, Elektronik und traditionellen Instrumenten.
Am selben Abend folgt Asmaâ Hamzaoui mit Bnat Timbouktou. Hamzaoui gilt als Pionierin, weil sie als Frau die jahrhundertelang männlich dominierte spirituelle Gnawa-Tradition Marokkos, kulturelle Erbe der Nachfahren subsaharischer Sklaven interpretiert.

Vom Konzertsaal in den Club: Singeli, Kuduro und DJ Nobu
Noch deutlicher wird dieser Perspektivenwechsel in den elektronischen Nächten.Aus Dar es Salaam kommen mit DJ Travella, Jay Mitta und Pili Pili Protagonisten der rasanten Singeli-Szene nach Venedig. Die Musik entstand in Tansanias urbanen Vierteln.
Aus Lissabons afro-diasporischer Clubszene kommen Nídia, DJ Firmeza und Helviofox, deren Musik Einflüsse von Kuduro, Gatida und Gqom verarbeitet. Am 23. Oktober bespielen sie bei Celebração Príncipe das Padiglione 30 in Forte Marghera. Dazu kommen Namen wie DJ Nobu, Polygonia, Loidis, Carrier, Livwutang, Mechatok und DJ Anderson do Paraíso.

Laraaji im Arsenale – und Gigi Masin unter den Pinien
Der inzwischen 82-jährige US-amerikanische Musiker Laraaji, eine Schlüsselfigur der Ambient- und New-Age-Geschichte, eröffnet am 10. Oktober mit der Weltpremiere Alignment. Am folgenden Tag lädt er im Bereich ORIGINE sogar zu einem 90-minütigen „laughter meditation workshop“.
Eine der charmantesten ortsspezifischen Ideen führt dagegen in die Pineta di Sant’Elena. Das belgische Gitarrenensemble Zwerm spielt dort am 11. Oktober zwei von der Biennale bestellte Weltpremieren von ML Buch und dem Venezianer Gigi Masin. Am 15. Oktober führt das Gigi Masin Trio Wind im Teatro Piccolo Arsenale auf.

ORIGINE: Die Sala d’Armi wird zum Raum des Zuhörens
Bemerkenswert ist schließlich, dass Barbieri nicht nur das Programm, sondern auch die Form des Festivals verändert. Die Sala d’Armi im Arsenale wird unter dem Titel ORIGINE zu einem zentralen Ort für „deep listening“, Begegnung und Austausch. Neben Live-Musik gibt es Listening Sessions, Film, Gespräche und kuratierte Musikauswahl. Zu den Gästen gehört Masaru Hatanaka vom legendären Bar Nightingale in Tokio, der Musik mit visuellen Arbeiten verbindet. Mit As Nature von KMRU, Nick Verstand und Mareike Bode wird das Prinzip des Konzerts sogar multisensorisch erweitert: Klang trifft auf Licht, Visuals und Geruch. Die italienische Premiere findet am 22. Oktober im Teatro alle Tese statt.
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Biennale Musica 2026 – 70. International Festival of Contemporary Music
Motto: A Child of Sound
Künstlerische Direktorin: Caterina Barbieri
Termin: 10.–24. Oktober 2026.
Orte: vor allem Arsenale mit Teatro alle Tese, Tese dei Soppalchi und Sala d’Armi; außerdem Teatro Goldoni, Basilica di San Marco, Teatro Piccolo Arsenale, Pineta di Sant’Elena, Ca‘ Giustinian und Forte Marghera.
Tickets: Der Online-Vorverkauf läuft seit 6. August. Drei Konzerte kosten im Abo 60 Euro, für Studierende und Unter-26-Jährige 36 Euro. Besonders interessant für Venedig-Besucher ist das Kombiticket Biennale Musica + Biennale Arte um 40 Euro, das einen Musica-Termin und einen Eintritt zur 61. Kunstbiennale umfasst.
