Es gibt in Venedig Orte, an denen die Zeit ihren Atem anhält. Während draußen die Vaporetti tuckern und sich die Menschenmassen durch die Gassen schieben, liegt im Sestiere Cannaregio, hinter den Mauern eines Klosters aus dem 17. Jahrhundert, eine grüne Insel der Stille: der Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi, der Mystische Garten der Barfußkarmeliter. Sieben Blumenbeete markieren hier die sieben Etappen des kontemplativen Gebets – und genau dieser Ort, der die landläufigen Vorstellungen von Zeit geradezu zu erschrecken scheint, ist 2026 das Herzstück eines der bewegendsten Beiträge der gesamten Kunstbiennale in Venedig geworden.

Ein Klanggebet statt Spektakel
Der Pavillon des Heiligen Stuhls trägt den Titel: „Das Ohr ist das Auge der Seele“(The Ear is the Eye of the Soul) – ein Satz, der, dem im März 2026 verstorbenen Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge entliehen ist. Kuratiert von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers und in enger Zusammenarbeit mit dem Soundwalk Collective realisiert.
Das Ganze ist eine direkte Antwort auf das kuratorische Leitmotiv der verstorbenen Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh, die zum Innehalten und Zuhören aufrief. Insgesamt 24 Künstlerinnen und Künstler sind beteiligt, und – das ist der entscheidende Punkt – 21 der Werke im Vatikan-Pavillon sind Klangstücke. Wer hier nach großformatigen Gemälden oder spektakulären Installationen sucht, sucht vergeblich. Stattdessen: Kopfhörer, Vogelgezwitscher, das Knirschen des Kieses unter den eigenen Füßen.

Hildegard von Bingen – die mittelalterliche Visionärin als Stichwortgeberin
Im Zentrum steht eine Frau, die vor über 900 Jahren lebte: Hildegard von Bingen, mittelalterliche Äbtissin, Dichterin, Heilerin und Komponistin, die zwischen 1098 und 1179 lebte. 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben – eine von nur vier Frauen, denen diese Ehre zuteilwurde.
Was Hildegard zur idealen Patronin dieses Projekts macht, ist ihr ganzheitliches Weltbild: Für sie waren Theologie, Musik, Kosmologie und Medizin keine getrennten Disziplinen, sondern ein einziger Fluss der Wahrnehmung. Ihr Verständnis von Klang als Erkenntnisweg zum Göttlichen trifft hier auf ihren wohl schönsten Begriff – Viriditas, die „Grünkraft“. Es geht um die Idee einer grünen Kraft, der Vitalität und des Gegenwärtigseins, damit sich die Welt vor uns entfalten kann, erklärt Stephan Crasneanscki vom Soundwalk Collective. Hildegard nutzte Gesang, Gartenarbeit und Natur, um uns zu erden und präsent zu machen.
Der Garten, der zuhört
Und hier wird es technisch faszinierend. Das Soundwalk Collective hat für diesen Anlass ein maßgeschneidertes Instrument entwickelt, das selbst zum eigenständigen Kunstwerk wird. Vickers von Soundwalk Collective beschreibt es als eine Antenne, die das Pflanzenleben, die Bioelektrizität und atmosphärische Veränderungen erfasst – eine Art „technologisches Wahrnehmen“, das Hildegards Idee der Viriditas zum Leben erweckt.

Durch die Kopfhörer erlebt man eine sich kontinuierlich wandelnde Komposition, in die Echtzeit-Umweltdaten einfließen – von der bioelektrischen Aktivität der Pflanzen bis zur Mikroakustik von Wind, Wasser und Erde. Der Garten ist damit nicht mehr nur Kulisse, sondern Co-Autor. Es ist, ehrlich gesagt, eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich das Wort „immersiv“ ohne innerliches Augenrollen verwenden kann
Stimmen über neun Jahrhunderte
Die Liste der Beteiligten umfasst Brian Eno, FKA Twigs, Caterina Barbieri, Devonté Hynes, Holly Herndon & Mat Dryhurst, Kali Malone, Laraaji, Meredith Monk, Moor Mother, Suzanne Ciani und Terry Riley sowie Jim Jarmusch. Den emotionalen Höhepunkt bildet eine kleine Kapelle, in der ein von Patti Smith gesprochenes Evangelium ertönt. Verankert wird das Ganze durch die klangliche Liturgie der Benediktinerinnen der Abtei St. Hildegard in Eibingen – eine lebendige Linie zurück zur Quelle.

Praktisches für den Besuch
Der Garten – Lage & Zeiten
Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi, Cannaregio 54, 30121 Venedig (direkt neben der Chiesa degli Scalzi, wenige Schritte vom Bahnhof Santa Lucia) → Auf Google Maps ansehen
Öffnungszeiten: 9. Mai bis 22. November 2026 11–19 Uhr (Mai–September) · 10–18 Uhr (Oktober–22. November)
Für den Mystischen Garten ist eine kostenlose Reservierung erforderlich – ausschließlich über CoopCulture: Hier kostenlos reservieren
